Häkelkreis der Werkstatt Radenhausen häkelt für den Hessentag (19.05.2010)

Jede häkelt, was das Zeug hält. Für den 50. Hessentag, der nächste Woche in Stadtallendorf beginnt, soll es ein ganzes Wohn- und Esszimmer sein. „Vor-Sicht Schön“ nennen die Radenhäuser Häkeldamen ihr Projekt. Es ist schon eine skurrile Idee, die – soweit sich das rekonstruieren lässt – Burgi Scheiblechner in netter Runde mit ihren Künstlerkolleginnen gekommen ist: „Ach, ich will mal was häkeln“, sagte sie damals. Klar, alle lachten. Zunächst. Dann die Frage „Warum eigentlich nicht?“ gab den Startschuss. Ab 2003 wurden Laternen umhäkelt, Fenstergitter, Parkbänke für die Documenta und für ein Kunstprojekt in Hannover, der Turm der Amöneburg. Diese Häkelarbeit wurde abgefackelt, aus den Resten fertigte Gerda Waha quietschbunte und überdimensionale Webervogelnester. Die im vergangenen Jahr prima zum Häkelzelt passten.Beim Tischlein-Deck-Dich-Projekt der Marburger Künst-lerin Ursula Eske, für das die Radenhäuserinnen einen Tisch häkelten, entstand die Idee zum ganzen Wohnzimmer für den Hessentag. Das bietet sich geradezu an, schließlich ist das dortige Möbelhaus die „Hausgalerie“ der Radenhäuser Künstler. Einen ganzen Container, 7,5 Meter mal 2,50 Meter, richten sie komplett ein: Sofa, Stuhl, Beistelltischchen, Bücherregal und CD-Regal. Alles nicht gerade in gemütlichen Farben, sondern in schrillem Pink. Richtig witzig sind die Senseo-Kaffeemaschine inklusive Kaffeepads, zierlichem Tässchen und Löffelchen. Auch nicht ohne: Fernseher, DVD-Player (mit Error-Anzeige), Satelliten-Schüssel und Receiver. Sehr hübsch: Die Lampe inklusive Glühbirne, das Konversationslexikon und selbstredend eine anständige Auswahl an Büchern und CD‘s. Und zur Deko noch Vase und Blume. Mit Vulkan- oder Kaninchendraht werden die Häkelarbeiten in Form gehalten. Ihn zu biegen ist „eine arge Fummelei“, gesteht Liesel Haber. Die Formen bekommen dann den Häkelbezug wie einen Mantel übergestülpt. Das Zimmer wurde vorab gezeichnet. Dann legten die Frauen die genauen Maße der Möbel und Einrichtungsgegenstände fest und legten los. Wie viel Meter Wolle sie brauchten? Allein etwa 200 Knäuel gingen seit Februar für die Grundfarbe, das dominante Pink, drauf. Immer wieder musste Wolle nachbestellt werden. Bloß nicht anheimelnd sollte das Ergebnis werden, sondern an Pop-Art erinnern. Einladend wirken die Möbelstücke trotz ihrer quietschigen Farbe: Hoffentlich setzt sich keiner drauf!, sorgen sich die fröhlichen Radenhäuser Künstlerinnen.Außer Gerda Waha, Liesel Haber und Burgi Scheiblechner häkelten auch die drei anderen Radenhäuser Künstlerinnen Lies Kruschwitz, Antonia Mösko und Margarete Trümner ihre Nadeln heiß. Die Männer der Werkstatt konnten sie bisher nicht anste-cken. Hans Schohl hat genug mit seinen beweglichen Objek-ten zu tun, die er unter anderem in Venedig ausstellt, sagen sie. Außerdem bestückt er einen zweiten Container beim Hessentag mit seinen Schattenzelten, einer Arbeit, die vergangenen Jahr auf der Biennale Kobe in Japan erstmals zu sehen war. Und Klaus Schlosser? Häkelt er mit? Die Frauen grinsen und zucken mit den Schultern. Er will wohl – noch – nicht. Ein dritter Container wird beim Hessentag zu einer kleinen Verkaufsgalerie, bei dem Arbeiten aller Radenhäuser Künstler ausgestellt werden.

(Text: Christine Krauskop, OP vom 19.05.2010)